Im Februar 2027 – und damit rund neun Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit – wird Christine Lagarde ihr Amt als Präsidentin der EZB niederlegen. Dies geschieht während einer anspruchsvollen Phase: Steigende Energiepreise und erste Anzeichen von Zweitrundeneffekten könnten die Inflation hochhalten, während die Spannungen an den europäischen Anleihemärkten zunehmen. Besonders die französischen Staatsfinanzen geraten zunehmend in den Fokus der Investoren. Im Vergleich zur Eurokrise vor etwas mehr als einem Jahrzehnt erscheinen die aktuellen Marktbewegungen jedoch moderat. Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien sahen sich damals mit deutlich höheren Risikoaufschlägen, Ratingherabstufungen und teilweise dem Verlust des Kapitalmarktzugangs konfrontiert. Von solchen Verhältnissen ist Frankreich weit entfernt. In den USA beliess die US-Notenbank Fed den Leitzins unverändert. Sie bezeichnete die Konjunktur weiterhin als robust und verwies indirekt auf Risiken einer Überhitzung, die durch den anhaltenden KI-Investitionsboom und höhere Energiepreise verstärkt werden könnten. Die US-Inflation verharrt über dem Zielwert von 2%, und jüngste Daten deuten auf einen wieder zunehmenden und breiter abgestützten Preisdruck hin. Weitere Zinserhöhungen zu einem späteren Zeitpunkt sind laut Fed-Präsident Kevin Warsh nicht ausgeschlossen. In Brasilien löste der überraschende Wahlsieg von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erhebliche Sorgen über die künftige Haushaltspolitik aus. Der brasilianische Real geriet unter Druck, während die brasilianischen Aktienmärkte deutlich nachgaben. Investoren befürchten, dass die im Wahlkampf versprochenen Sozialausgaben und Unterstützungsprogramme das bereits hohe Haushaltsdefizit und die Staatsverschuldung weiter erhöhen könnten. Die weitere Entwicklung von Währung, Anleihen und Aktienmarkt dürfte nun entscheidend davon abhängen, ob Lula und sein Wirtschaftsteam einen glaubwürdigen Konsolidierungskurs vorlegen. Ob Sparmassnahmen das Vertrauen der Investoren nachhaltig wiederherzustellen vermögen, bleibt jedoch offen.
Die aktuelle Nervosität an den Aktienmärkten wird vor allem von drei Faktoren bestimmt: den bevorstehenden Zwischenwahlen in den USA, zunehmenden Zweifeln am KI-Investitionsboom sowie anhaltenden geopolitischen Risiken. Entsprechend verlief der Oktober an den Aktienmärkten volatil. Während zu Monatsbeginn noch vieles darauf hindeutete, dass US-Aktien ihre relative Stärke gegenüber den übrigen Märkten erneut ausspielen würden, zählten gegen Monatsende insbesondere Schweizer Aktien sowie Titel aus Kanada und Grossbritannien zu den Gewinnern. Auf Sektorebene gehörten damit neben den im Schweizer Aktienmarkt stark vertretenen defensiven Sektoren vor allem Energiewerte zu den Top-Performern. Die grossen europäischen Ölkonzerne nutzten beispielsweise die gestiegenen Öl-, Gas- und Raffineriemargen, um ihre Aktionäre grosszügiger am Unternehmenserfolg zu beteiligen. So kündigten Shell, TotalEnergies und Repsol höhere Aktienrückkäufe sowie Dividendenerhöhungen an. Die Entwicklung verdeutlicht, wie stark die Ölbranche bislang von den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten profitiert hat. Neben höheren Ausschüttungen wird erwartet, dass die Unternehmen einen Teil der zusätzlichen Mittel für Übernahmen, den Ausbau ihrer Öl- und Gasreserven sowie Investitionen in ihr Kerngeschäft einsetzen werden. Insgesamt zeigt sich, dass auch in anspruchsvollen Marktphasen Chancen bestehen. Trotz der erhöhten Schwankungen bleibt das fundamentale Umfeld für Aktien aus unserer Sicht konstruktiv.
An den Anleihemärkten zeigt sich derzeit eine bemerkenswerte Entwicklung: Einige grosse Unternehmen können sich inzwischen günstiger finanzieren als der französische Staat. Die langfristigen Finanzierungskosten Frankreichs sind innerhalb weniger Monate von rund 4% auf über 5% gestiegen. Schätzungen zufolge kann mittlerweile mehr als ein Drittel der französischen Unternehmen langfristig zu tieferen Konditionen Kapital aufnehmen als der französische Staat. Diese Entwicklung beschränkt sich jedoch nicht auf Frankreich. Weltweit stehen Staatsanleiherenditen unter Aufwärtsdruck, getrieben von hoher Staatsverschuldung, anhaltenden Inflationsrisiken und wachsenden Zweifeln an der langfristigen Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen. Unternehmensanleihen profitieren hingegen vielerorts von soliden Bilanzen und robusten Fundamentaldaten. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Unternehmen sicherer wären als Staaten. Anleiherenditen spiegeln neben dem Ausfallrisiko auch Faktoren wie Liquidität, Marktstruktur und die aktuelle Anlegerstimmung wider. An den Rohstoffmärkten näherte sich der Ölpreis für Brent im Monatsverlauf den Höchstständen von 2022 an. Auch die europäischen Gaspreise stiegen erstmals seit fast vier Jahren über die Marke von 100 Euro pro Megawattstunde. Seit Beginn des Iran-Konflikts Ende Februar haben sich die europäischen Gaspreise damit nahezu verdreifacht. Während die USA weiterhin von einer günstigen Erdgasförderung profitieren, wird die Entlastung für Europa durch begrenzte LNG-Verflüssigungskapazitäten sowie hohe Transportkosten eingeschränkt. Zwar hat sich das europäische Energiesystem bislang als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen, doch die verfügbaren Reserven und Sicherheitspuffer werden zunehmend beansprucht.
Das Ergebnis der bevorstehenden US-Zwischenwahlen, der anhaltende KI-Investitionsboom sowie die geopolitischen Spannungen sind aktuell die zentralen Einflussfaktoren für die Finanzmärkte. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre weitere Entwicklung kaum verlässlich prognostiziert werden kann. Für die Vermögensanlage bedeutet dies, auf eine robuste Asset Allokation, eine breite Diversifikation und ein konsequentes Risikomanagement zu setzen. Der Vorteil eines solchen Ansatzes zeigte sich konkret auch im vergangenen Monat: Breit diversifizierte Portfolios konnten davon profitieren, dass sich die Performancebeiträge auf verschiedene Anlageklassen und Marktsegmente verteilten. Wir nahmen zu Monatsbeginn selektiv im Zuge eines Rebalancings Gewinne bei Aktien mit und nutzten die teils sprunghaft angestiegenen Verfallrenditen, um unsere Anleihenquote leicht zu erhöhen. Abgesehen davon setzen wir nach wie vor auf Realwerte und halten an unseren entsprechenden Engagements, beispielsweise im Schweizer Immobilienmarkt oder in Gold, fest.