In der ersten Aprilhälfte einigten sich die Konfliktparteien im Nahen Osten auf einen Waffenstillstand, der bis heute anhält und an den Finanzmärkten zunächst für spürbare Entspannung sorgte. Gleichwohl führt der Konflikt weiterhin vor Augen, wie verletzlich die global vernetzte Wirtschaft geblieben ist. Er unterstreicht nicht nur die Notwendigkeit einer breiteren Diversifizierung der Energieversorgung, sondern stellt auch die Zentralbanken vor erhebliche Herausforderungen. Zahlreiche Staaten – insbesondere in Europa – reagieren auf die gestiegenen Energiepreise mit fiskalpolitischen Massnahmen, etwa durch Steuersenkungen oder gezielte Entlastungspakete. Gleichzeitig zeichnen die jüngsten Konjunkturdaten ein anspruchsvolles Bild: Mit einer Inflationsrate von rund 3% bei lediglich 0.1% Wachstum mehren sich die Anzeichen für ein stagflationäres Umfeld. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die grossen Notenbanken auch weiterhin an ihrem geldpolitischen Kurs festhalten. Der durch den Iran-Konflikt ausgelöste Energieschock dürfte zusätzliche Zeit benötigen, bevor dessen Auswirkungen auf Inflation und Wachstum abschliessend beurteilt werden können. In dieses Bild fügt sich auch die Anhörung des voraussichtlich künftigen Fed-Chefs Kevin Warsh im US-Senat ein: Zwar signalisiert er Reformbereitschaft, ein kurzfristiger oder gar radikaler Kurswechsel in der Geldpolitik zeichnet sich jedoch nicht ab. Die Finanzmärkte zeigen sich derweil bemerkenswert gelassen und scheinen weiterhin von einer baldigen Deeskalation mit überschaubaren wirtschaftlichen Folgen auszugehen. Neben zahlreichen Aktienmärkten nahe ihren Allzeithochs bestätigen auch tiefe Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen sowie ambitionierte Bewertungen dieses Bild. Ob sich diese Zuversicht als gerechtfertigt erweist, wird letztlich davon abhängen, wie rasch sich geopolitische Spannungen abbauen – und wiea widerstandsfähig sich Wirtschaft und Inflation gegenüber neuen Schocks zeigen.
Die Investoren setzen an den Aktienmärkten angesichts der stark steigenden KI-Nachfrage auf einen langanhaltenden Boom bei Speicherchip-Herstellern wie Samsung und SK Hynix, da ein struktureller Mangel an Speicher zum zentralen Engpass der KI-Infrastruktur geworden ist. Im Gegensatz zu früheren zyklischen Schwankungen sichern sich Grosskunden zunehmend langfristige Lieferverträge über mehrere Jahre, was die Planungssicherheit erhöht und Preisschwankungen reduziert. Getrieben durch massive Investitionen von Cloud- und KI-Anbietern entwickelt sich der Markt zu einem Verkäufermarkt mit hoher Preissetzungsmacht und aussergewöhnlich hohen Margen. Vieles deutet auf einen mehrjährigen „Superzyklus“ hin, auch wenn Risiken wie mögliche Überkapazitäten, nachlassende Nachfrage oder steigender Wettbewerb – insbesondere aus China – bestehen bleiben und die grundsätzlich zyklische Natur der Branche nicht vollständig verschwinden dürfte. Dem KI-getriebenen Optimismus steht eine gewisse makroökonomische Zurückhaltung gegenüber, die sich aus den möglichen Auswirkungen der geopolitischen Konflikte ergibt. In der aktuellen Lage erscheinen unterschiedliche Szenarien mit ähnlich hoher Eintrittswahrscheinlichkeit plausibel. Vor diesem Hintergrund erachten wir eine breite Diversifikation über Sektoren und Regionen hinweg – wie sie in unseren Portfolios bereits seit Längerem umgesetzt ist – weiterhin als die angemessene Strategie.
Bemerkenswert ist die jüngste Entwicklung des Ölpreises: So notierte die Sorte Brent Ende April zeitweise höher als während der anhaltenden Angriffe auf die Energieinfrastruktur im Nahen Osten. Der Preisanstieg erfolgte im Zuge der Ankündigung der USA, die Blockade der Strasse von Hormus fortzuführen. Ob eine solche Mitteilung eine längere Halbwertszeit besitzt als die zahlreichen anderen Verlautbarungen des Weissen Hauses im Verlauf des Konflikts, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass die Herausforderungen für den Ölmarkt mit der Dauer der Schliessung der Strasse von Hormus zunehmen. Ein aus unserer Sicht aussagekräftiges Indiz dafür ist der Preisanstieg bei den üblicherweise träger reagierenden längerfristigen Öl-Futures. Das sich daraus abzeichnende, tendenziell inflationäre Umfeld bleibt auch für die Anleihemärkte nicht ohne Folgen: Angesichts der derzeit vorherrschenden Risiken erscheinen uns die nahe Tiefstständen liegenden Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen als zu optimistisch bewertet. Zwar bieten sich – je nach Währung – trotz enger Spreads auf den ersten Blick teilweise attraktive Verfallrenditen. Gleichzeitig erreichen jedoch Staatsanleihen derselben Währung infolge dieser tiefen Spreads ein vergleichbares Renditeniveau. Für Anleger mit Referenzwährung Schweizer Franken stellt sich dennoch unweigerlich die Frage, ob das eingegangene Fremdwährungsrisiko ausreichend kompensiert wird. Wir bezweifeln dies: Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen und gestützt auf empirische Evidenz bevorzugen wir klar Realwerte und halten ein entsprechendes Übergewicht zulasten von Fremdwährungsanleihen.
In den Medien dominieren zurzeit fast ausschliesslich Negativmeldungen – wer sich jedoch zu stark darauf fokussiert, läuft Gefahr, Chancen an den Finanzmärkten zu spät oder gar nicht zu erkennen. In der jüngeren Finanzmarktgeschichte gibt es zahlreiche Ereignisse, die kurzfristig erhebliche Verwerfungen auslösten: der Ukraine-Krieg, COVID‑19, der Brexit, die Euro-Schuldenkrise oder die US-Regionalbankenkrise im Jahr 2023 sind nur einige wenige Beispiele. Bei nüchterner Betrachtung zeigt sich jedoch: Auch wenn jedes dieser Ereignisse zweifellos spürbare Auswirkungen hatte, konnten sie selbst in ihrer Gesamtheit das langfristige Wachstum nicht aufhalten. Umso wichtiger ist es, auch in einem von Negativschlagzeilen geprägten Umfeld den Blick für Chancen nicht zu verlieren und die richtigen Schlüsse sowohl aus kurzfristigen Entwicklungen als auch aus langfristigen Trends zu ziehen. Vor diesem Hintergrund bleiben wir vorsichtig optimistisch und tragen den aktuellen Rahmenbedingungen mit einer gezielten Anlagetaktik Rechnung. Eine Anfang April aufgebaute Beimischung im Erdölsektor haben wir nach einem erfreulichen Renditebeitrag bereits wieder teilweise realisiert. Darüber hinaus haben wir nur punktuelle Anpassungen vorgenommen. Unsere Portfolios bleiben somit weiterhin übergewichtet in realen Werten, breit diversifiziert und gut gewappnet für die Zukunft.